Ich hab noch viel zu lernen über die Menschlichkeit

Eigentlich hätte ich mich bis diesen Woche als sozial engagierten und hilfsbereiten Menschen bezeichnet. Ich sammle mit den Wunderweibern Geld für Soziale Organisationen, war als Buddy für Asylsuchende tätig, arbeite manchmal fürs Jane Goodall Institut,  hab in einem Alsyl-Zwischenlager mitgeholfen…Der Besuch bei der Tafel hat mir jedoch einen Spiegel vorgehalten, und das Bild darin hat mir nicht sehr gut gefallen.

 

Anfang der Woche habe ich alle Weihnachtskekse die von unserem Fest übrig geblieben sind nach Eisanstadt zur Pannonischen Tafel gebracht. Die Tafel und das dazugehörige Wohnzimmer steht allen Menschen offen die Hilfe brauchen. Sei es mit Lebensmittel, Kleidung aber auch ganz viel mit Menschlichkeit in jeder Hinsicht. Gegründet und geleitet wird sie von Andrea Roschek, die ich nun schon einige Zeit kenne.

 

Im "Wohnzimmer" der Tafel saß eine junge Roma Frau aus der Slowakei, Reka. Sie saß da und weinte vor sich hin. Andrea erzählte mir eine fast unglaubliche Geschichte. Über ihren gewalttätigen Mann der ebenfalls in Österreich ist und sie regelmäßig prügelt und vergewaltigt, 3 Kinder die ihr gerade weggenommen wurden, Alkoholismus der Eltern und die Wohnsituation die unter jeder Sau ist. Um das noch ein bisschen zu toppen hat die Reka auch noch Leukämie und muss regelmäßig zur Blutwäsche.

 

Als mir Andrea die Geschichte erzählte betrachtete ich Reka. Sehr hübsch ist sie, gut geschminkt, hohe Stiefeln, Glitzerohrringe, langes dunkles gepflegtes Haar und Raucherin. So gar nicht das Bild das ich mir von einer obdachlosen Roma gemacht habe.

 

Und da war ich wirklich entsetzt über mich selbst. Ich suchte regelrecht nach Möglichkeiten die es mir erlaubten Reka abzuurteilen, die mir vielleicht zeigen könnten das die Geschichte nicht wahr ist. Das gepflegte Aussehen, die Schminke, das schöne Haar, der Schmuck die Zigaretten... Ich konnte diese Gedanken tief in meinem Inneren nicht verhindern und schämte mich dafür.

 

Und dann ist da Andrea Roschek, die so überhaupt nicht denkt. Sie sieht einfach einen Menschen der Hilfe braucht und sie gibt, und sie gibt und sie gibt. Sie nimmt die Frau einfach in den Arm, lässt sie an ihrer Schulter weinen und tröstet.

Hilft wo sie kann, tut einfach, ohne zu urteilen.

 

Das ist wahre Menschlichkeit und ich bin demütig wieder in mein schönes Zuhause gefahren. Ich bin unendlich dankbar für diese Erfahrung, weil sie mir meine Grenzen gezeigt hat und es ist wirklich an der Zeit diese aufzumachen.

Andrea Roschek, Bild von Nadége Heuzé

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