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Vom Träumen zum Tun

Nun sind schon wieder einige Wochen vergangen seit ich mit den beiden Eseln vier Tage lang unterwegs war. Viele Menschen haben mich darauf angesprochen und gefragt wie es war und deshalb hab ich beschlossen es aufzuschreiben. Ein bisschen war ich überrascht wieviel sich in so kurzer Zeit zeigen kann was man alles erlebt und wie nachhaltig es wirkt. Das hat mich am Beginn vielleicht auch ein bisschen davon abgehalten darüber zu schreiben. Es schien mir so übertrieben in nur 4 Tagen so viel erlebt und erkannt zu haben. 

 

Wie sehr ich es hasse zu planen hab ich in der Vorbereitung gemerkt. Jedes Mal wenn ich mir dachte, ich sollte doch mal dies oder jenes machen, besorgen, recherchieren, ansehen zog es mir sämtliche Muskeln zusammen. Also machte ich nur einen Grobplan.  „In der Gegend kenn ich mich halbwegs aus, es gibt einen gut beschriebenen Radweg und ich kann jederzeit Andi anrufen fall was schief geht“, dachte ich mir, „das wird wohl nicht so schwer sein.“ Deshalb hab ich auch auf jegliche Karte oder Navigation verzichtet weil google maps am Handy unglaublich viel Akku braucht und ich ja nicht wusste wann ich es wieder an den Strom anhängen kann. Das heißt also fix war der Start in Mörbisch und die erste Übernachtung in Donnerskirchen wo ich Freunde habe. Die Eseln in einem kleinen Privatstall einer Freundin und ich selbst ein paar hundert Meter weiter am Weingut Karner. Iris und Julius Karner leben ebenfalls vegan und deshalb war bei der Übernachtung auch ein leckeres Abendessen inklusive. 

 

Schon wenige Meter auf dem Radweg zwischen Mörbisch in Richtung Rust erfassten mich die ersten Glücksgefühle. Die Eseln wanderten in einem gemütlichen Tempo neben mir her, das Wetter schien schön zu werden, nur der Rucksack mit den 15 kg war etwas schwer und noch sehr ungewohnt. Rucksack und Zelt hatte ich mir ausgeborgt, ich wollte ich zuerst mal wissen ob mir das Wandern mit den Eseln wirklich so gut gefällt wie vermutet bevor ich mir eigene Sachen kaufe. 

 

Ja und es hat mir gefallen und wie! Obwohl bei weitem nicht alles glatt lief und so wie ich es in meinem Kopf geplant hatte. Ab dem Zweiten Tag wollte Martin nicht mehr in Richtung Norden (Neusiedl) gehen und blieb am Radweg zwischen Purbach und Breitenbrunn einfach stehen. Weder eine Pause, ziehen am Strick, wütendes auf -und ab hüpfen meinerseits nützten irgendetwas. Martin wollte einfach in die andere Richtung gehen. Jedem Radfahrer der uns entgegenkam und Richtung Donnerskirchen fuhr sah er sehnsüchtig nach. Ich hatte Wut- und Entäuschungstränen in den Augen weil ich nicht mehr wusste was ich tun sollte. Meine einzige Möglichkeit, so schien es mir, war Andi anzurufen damit er uns mit dem Hänger abholt. Aber das war wirklich eine furchtbare Option für mich. Da hatte ich vier Tage Zeit und müsste am zweiten Tag abbrechen. Vor allem der Gedanke daran, ob ich es dann jemals wieder wagen würde mit den beiden auf eine längere Wanderschaft zu gehen machte mich fertig. Lucky mein zweiter Begleitesel tut meist das, was Martin auch tut. Wenn Martin nicht wollte dann wollte Lucky auch nicht. Wenn Martin geht , dann geht Lucky auch oder eben nicht. 

 

Als ich so in meiner Verzweiflung da stand und Martin anflehte doch noch ein paar Kilometer mit nach Breitenbrunn zu kommen und alle vorbeikommenden Radfahrer mich fragten, ob der Esel denn nicht weitergehen wolle,  kam endlich der Zeitpunkt an dem ich es schaffte innerlich loszulassen. Ich ließ den Strick locker, schaltete ab und dachte „scheiss drauf, dann eben nicht“. In dem Moment bewegte Martin sich wieder ein paar Schritte Richtung Breitenbrunn. Eh klar. Wir wissen alle, das das Geheimnis und die Lösung immer im Loslassen liegt , aber schaff das mal wenn du voller Emotionen bist…

Ab da gings weiter. Mühsam zwar, aber es ging Richtung Breitenbrunn. Dort hatte ich vor zu übernachten und betete insgeheim um einen Reitstall in dem ich unterschlüpfen könnte. Absichtlich suchte ich nicht im Netz danach weil ich es gar nicht wissen wollte. Angenommen ich hätte herausgefunden das es in Breitenbrunn keinen Reitstall gibt hätte ich mir den restlichen Kiometer nur Sorgen darüber gemacht wo ich wohl übernachten könnte und das noch zu einem unwilligen Esel wäre mir zu viel gewesen. Also zog ich die Unsicherheit vor. 

 

Als wir endlich das Ortschild Breitenbrunn erreichten, ich hatte Martin beinahe getragen und war dankbar für jeden Schritt den er freiwillig machte, stand ich mal da um zu verschnaufen. Da blieb ein Autofahrer stehen und fragte ob er mich mit meinen Eserln fotografieren dürfe. Es war nicht das erste Mal das ich gefragt wurde und natürlich stimmte ich zu. Dann fraget ich den Mann ob er einen Reitstall wisse. Reitstall gibt’s keinen aber eine Biobäuerin mit Rindern, dort könne ich sicher unterschlüpfen, meinte er.  Er beschrieb mir den Weg und ich stapfte weiter. Martin motivierte ich mit Erzählungen darüber das er bald bei anderen Tieren sein werde und wir am Ziel wären. 

 

Vor dem Rinderstall befand sich ein großer Lagerplatz für Heu und Holz wo gerade der Bauer arbeitete. Er freute sich mich mit den Eseln zu sehen und als ich ihn wegen einer Übernachtungsmöglichkeit fragte war er gleich ganz begeistert und baute mir aus leeren Plastikkontainern einen Verschlag für meine Eseln. Die freundeten sich in der Zwischenzeit mit den Rindern an und knabberten fröhlich am Heu. Von Müdigkeit oder Überforderung überhaupt keine Spur. (Darüber hatte ich mir am mühsamen Weg nämlich Sorgen gemacht)

 

Ich war erleichtert und glücklich. Mein Zelt schlug ich auf der Wiesen in der Nähe des Eselverschlags auf und unterhielt mich prächtig mit dem Bauern. Auch er hat noch viele Ideen und Pläne von denen er mir erzählte. Er möchte zum Beispiel mit dem Traktor einmal ganz weit wegfahren. Vielleicht Ukraine oder Spitzbergen… ich hoffe das er diesen Traum einmal umsetzt und versuchte ihn darin zu bestärken. 

Am Abend nahm er mich noch mit in das Restaurant der Tennishalle wo er sich jeden Abend mit seiner Frau und Freunden auf einen Kaffee trifft Als wir dort ankamen kannte mich schon jeder weil das Fotos des Mannes der mir auch den Bauernhof beschrieben hatte schon die Runde gemacht hat und er auch zufällig der Betreiber des Restaurants war. 

 

Als ich mich dann für die Übernachtung und das Bauen des Verschlages mit einer Einladung zum Kaffee erkenntlich zeigen wollte weigerten sich die beiden Biobauern strikt. Er hätte so eine Freude mit mir und den Eseln das er mich unbedingt einladen wolle. 

Ich schlief die erste Nacht im Zelt wunderbar, wachte mehrmals auf und lauschte den Geräuschen der Nacht um dann friedlich wieder einzuschlummern. Am nächsten Tag räumte ich den Mist von Martin und Lucky weg packte mein Zeug zusammen und beschloss Martin seinen Willen zu lassen und zurückzugehen. 

 

Ich wollte es mir keinesfalls antun nochmals einen Tag halb ziehend und schiebend mit den Eseln herumzulaufen. Ich vermutete das sein kleines Eselnavigationssystem zurück nach Donnerskirchen wollte, dort wo wir die erste Nacht verbrachten und er Freundschaft mit den dortigen Pferden geschlossen hatte. Und irgendwie wars mir egal. Es ging ja um das Gehen mit den Eseln und nicht um ein bestimmtes Ziel. Also verabschiedete ich mich vom Plan um den See zu wandern und machte mich auf den Weg zurück nach Donnerskirchen. Diesmal eine etwas andere Variante, direkt auf einen Feldweg fast im Schilfgürtel. Und dieser dritte Tag war dann so wie ich mir das Wandern mit Eseln in meinen schönsten Träumen ausgemalt hatte. Völlig alleine in der Natur, in einer wunderbaren Landschaft, umgeben nur von Wiesen, Schilf und Vögel und Martin und Lucky voll motiviert. Ich hatte den Eindruck das sie genauso viel Freude hatten wie ich.  Ich war glücklich. 

 

Als wir bald nach Donnerskirchen kamen marschierte Martin munter weiter. Ich war erstaunt. Offenbar war nicht Donnerskirchen sein Ziel sondern es zog ihn und somit auch mich und Lucy weiter Richtung Rust. Auch gut, wir hatten ja Zeit, es war grad so schön und so wanderten wir weiter.   Als wir am ersten Tag nach Donnerskrichen unterwegs waren, hatte ich in Rust zufällig zwei Reiter getroffen die mich auf ein Getränk  und Heu für die Eseln in ihren kleinen Privatstall einluden. Wir machten dort Pause bevor wir es weitergingen. Diesen Stall steuerten wir nun an. Die beiden Reiter waren so nett gewesen und ich war mir sicher sie würden uns in ihrem Stall übernachten lassen. Martin schien am Ziel seiner Träume als wir dort ankamen. Gleichzeitig mit uns kam auch einer der Pferdebesitzer gerade mit dem Auto daher und wie ich es mir schon gedacht hatte war eine Übernachtung kein Problem. Die Stallgemeinschaft besteht dort aus 4 total lieben Leuten mit denen ich mich auf Anhieb gut verstanden habe. Auch hier wurde mein Angebot, wenigsten eine Kiste Bier zu spendieren entrüstet abgelehnt. „ So was nennt man Gastfreundschaft“, sagte Mario, der Stallbesitzer. 

Seelig schlief ich auch diese Nacht im Zelt neben der Eselkoppel. Direkt bei den Eseln in der Koppel, wie sich das vielleicht manche vorstellen, scheitert an der Neugier der Eseln. Die hätten mir das Zelt ganz sicher umgedreht und versucht reinzukommen. Keine gute Idee aber in unmittelbarer Nähe der Tiere war auch sehr schön. 

 

In der Früh brachte mir Mario einen Kaffee bevor er in sein Geschäft fuhr und beschrieb mir den Weg Richtung Einsiedlerkapelle in St. Margareten. Eigentlich wollte ich ja Richtung Ungarn gehen aber rauf auf den Steinbruch zur Kapelle klang auch schön und so beschloss ich diesen Weg zu wählen. Wir gingen durch die Weinberge, hinter dem Märchenpark vorbei zur Kapelle wo wir rasteten. Dann beschloss ich entlang dem Waldsaum nach Mörbisch zu gehen und mich dort von Andi wieder abholen zu lassen. Es war auch so eine wunderschöner Tag obwohl das Martin Navigationssystem immer wieder Richtung Rust ausgerichtet war. Ich hab keine Ahnung welchen Narren er an diesem Ort gefressen hat, aber immer wenn wir uns in eine etwas andere Richtung bewegten wurde er zäh. Sobald wir bei einer Kreuzung standen, auch mitten im Wald wollte er wieder Richtung Rust. Diesmal konnte ich mich aber ohne viel Mühe durchsetzen und meine Weg gehen. Weil wir uns auf einsamen Feld- und Waldwegen bewegten hängte ich Lucky ab und lies ihn frei gehen. Damit konnte ich Martin meine volle Aufmerksamkeit widmen.

In Mörbisch angekommen hatten wir noch viel Zeit bis zum vereinbarten Abholzeitpunkt und so beschloss ich Martin wieder seinen Willen zu lassen und wir gingen zurück nach Rust. Lucky dackelte wie immer hinter Martin her und wir alle waren zufrieden als uns Andi mit dem Pferdeanhänger in Rust abholte. 

 

Ich hab mir von diesen vier Tagen so viel mitgenommen, damit hätte ich nicht gerechnet und möchte es nochmals zusammenfassen. 

 

*) Ohne Plan ist es leichter

 

*) Eseln sind meine Freunde und Begleiter, damit haben sie auch das Recht mitzubestimmen

 

*) Ich brauche nichts: Ich hab mir Studentenfutter und 8 Stück Grünkernbeisser (vegane Variante von harten Würsteln) und eine Tube Senf mitgenommen als Vorrat und noch einiges Davon (außer Senf) wieder nach Hause gebracht. Ich hatte einfach kaum Hunger weil die üblichen Belohnungsmechanismen scheinbar wegfallen wenn ich zufrieden und im Reinen mit mir und der Welt bin. Das kenn ich auch schon von meinen Reisen im Gogo Mobil. Obwohl ich mich viel bewegt habe hatte ich kein Bedürfnis nach Essen. Ich habe aber auch nicht abgenommen und ich erkläre mir das so, dass ich einfach „nichts brauche“ wenn ich glücklich bin.

 

*)In den Menschen steckt so viel Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Es ist gut zu vertrauen. 

 

*)Ich habe Menschen große Freude gemacht nur weil sie mich mit den Eseln gesehen haben und damit haben sie mir wieder Freude gemacht. Oft braucht es nicht mehr.

 

Zu den Fotos

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Kommentare: 2
  • #1

    Georg Maximilian (Sonntag, 19 Mai 2019 10:10)

    Super Story, schöne Schilderungen, tolle Erkenntnisse...Sehr berührend... Danke ���✌✌✌

  • #2

    Elisabeth (Sonntag, 19 Mai 2019 11:22)

    Vielen dank für das liebe Feedback! Kommt bald mal wieder